EINE DRINGENDE RADTOUR
Dozza, 9/2025
Goldene Morgenstund
Gegen 7 Uhr starte ich mit dem Rad in Bologna Zentrum und fahre Richtung Süd-Ost aus der Stadt heraus. Es ist Anfang September, Spätsommer und mit bis zu 25 Grad zu rechnen. So früh ist es noch etwas frisch, ich trage meine lange Leinenhose über der kurzen Radlerhose und ein kleines Tuch um den Hals gebunden. Bei dem Fahrtwind ist das angenehm.
Zwischen Stadt und Feldern
Nach 30 Minuten stadtauswärts werden die Häuser flacher und die Umgebung grüner. Es riecht nach Pinien und Pfefferminze. Die Luft ist bereits hier in der Periferie besser als im Zentrum. Und alle 500 Meter duftet es nach frischen Backwaren. Die Bars sind bereit für die frühstückswilligen Italiener. Ab und an kleine grüne Parkinseln. Oder ein Spielplatz. Ein Flüsschen, dass ich mit einer Brücke überquere. Schrebergärten. So viel grün. Dichte, hohe Tomatenpflanzen und zwei bis drei Menschen, die sich schon um ihre Pflanzen kümmern. Gerade fallen die ersten Sonnenstrahlen in die umzäunten hochgewachsenen Bete.
Der Plan
Am Vortag hatte ich die Sehnsucht gespürt, mal wieder Reisende zu sein und diesen freien Montag in Aussicht. Dozza, ein kleines Örtchen auf einem Hügel in der Emilia-Romagna, war seit ein paar Monaten auf meiner Liste. Der Plan: 07:00 Bologna > 11:00 Dozza (30km Rad), Dozza anschauen, Dozza > Imola (8km Rad), Imola > Bologna (Zug)
Dann hatte ich meine Sachen gepackt. Möglichst wenig und mit schöner Handtasche in die alles hinein passt, damit ich mich vor Ort schick fühlen kann und nicht alles nach Radtour schreit.
Tagesgepäck. Es fehlen: 1 gekochtes Ei, 1 Banane
Frühstück im Milosa Caffè
7:40. Bevor ich raus aufs Feld fahre, möchte ich noch frühstücken und schaue auf Google Maps nach einer gut bewerteten Bar in meiner Nähe. Milosa Caffè. Eine kleine Bar, schon etwas belebt mit drei bis vier Besuchern, mit liebevoll gestaltetem Außenbereich und freundlichem Barrista. Ich hab den Eindruck, dass ich auffalle, weil nicht aus diesem Viertel und werde erwartungsvoll angeschaut. Ich bestelle einen Capuccino e una brioche dolce vuota und darf mich schon raussetzen. Es wird alles an den Tisch gebracht. Der ist liebevoll dekoriert und sauber. Das Menü hängt oberhalb eines jeden Tischchens mit einem Kettchen an der Glaswand, die den Bereich schützend umgibt. Einlaminiertes Cover, nackt gedruckte Innenseiten zwecks schnellem, unkompliziertem Wechsel des Menüs. Es ist süß. Im Bad hängen ermutigende Sprüche über das Leben und alles ist beschriftet, damit jeder Gast die Toilettenspülung findet.
Aufbruch in die Felder
8:00. Mit beschenktem Herzen mach ich mich auf. Jetzt ziehe ich die lange Hose drüber weg. Als ich noch mein Rad aufpumpen will, fällt mir auf, dass meine Räder Autoventile haben und meine Luftpumpe nichts ausrichten kann. Ich hoffe, dass heute alles gut geht.
Mich besteigt ein Glücksgefühl, als ich schon nach ein paar hundert Metern nach dem Cafè endlich durch offene Felder fahre. Hier und da auch Industrie, aber ich sehe die Hügel im Süden zu meiner Rechten und die Sonne scheint mir ins Gesicht.
Ich halte noch einmal für ein Foto (08:38), einen Schluck Wasser und creme mein Gesicht ein. Auch der Moment für Cappie und Sonnenbrille ist gekommen, weil ich der Morgensonne entgegen fahre. Maps führt mich grundsätzlich an der SS9 Via Emilia entlang und wo es geht über Nebenwege und Straßen. Einmal geht es auch über einen recht groben Schotterweg, der meinem Stadtrad so garnicht gut tut, aber es geht. Und dann fahre ich einfach und fahre.
Castel San Pietro Terme
In Castel San Pietro Terme ist Markt. (09:24) Es herrscht eine lebendige und gleichzeitig ruhige Morgenstimmung. Ältere Menschen begrüßen und unterhalten sich.
Landhäuser
Kurz darauf (09:29) biege ich wieder auf Felder. Landhäuser, sanfte Hügel, Gärten, Kinder, die schon draußen spielen. Ich schiebe durch ein kleines Waldstück bergauf. Oft spüre ich den Wunsch, an dem ein oder anderen Haus für ein Foto zu halten, aber ich traue mich nicht. Manchmal kommen auch bellende Hunde an den Zaun gelaufen. Einmal sind es gleich drei große Hunde und mir gefriert wirklich das Blut in den Adern, als sie aus dem Nichts anfangen zu bellen und mich auf ihrer Seite des Zauns zu verfolgen. Mein Puls steigt innerhalb einer Sekunde auf 180 und ich lege einen ordentlichen Zahn zu, als seien sie hinter mir her. Hier mache ich bestimmt kein Foto. Ich bin nie sicher, ob sie nicht doch über den Zaun springen oder ein Törchen offen steht. Als ich die drei gerade hinter mir gelassen habe, bellt einer von links in mein Ohr und rast am Zaun mit mir mit. Das Tor zum Garten scheint mir diesmal sogar offen, aber irgendwie verfolgt er mich nicht bis auf die Straße. Danke!
Via Emilia Richtung Dozza
Dann geht es wieder für ein Stück auf der Via Emilia für mich weiter. Eine schnurgerade Schnellstraße. Etwas gefährlich, weil die Autos manchmal etwas nah an mir fahren, aber man kommt dafür auch schnell voran. Um 09:49 erreiche ich das Kreiseingangsschild von Dozza. Und bald darauf geht es dann für immer weg von der Haupstraße nach rechts ab in ein Wohngebiet (09:57), dann noch etwas Industrie. Hier geht es immer mehr bergauf.
In den Hügeln
Und dann bin ich endlich in den Hügeln vor Dozza. Noch 19 Minuten laut Maps und 128 Höhenmeter zu fahren. Ich gehe richtig in der Annahme, dass ich für dieses Stück 45 Minuten brauche. Um kurz nach 10 brauche ich dringend eine Snackpause. Die Banane schmeckt in dem Moment wunderbar und auch das gekochte Ei. Um mich herum größere Anwesen und Nutzfelder, Wein- und Obstplantagen. Mal ordentliche Gärten, mal weniger. Kinderspielgeräte. Große Esstische vor dem Haus für die großen Teams oder Familien.
Bald (10:17) kommt ein wunderschöner Straßenabschnitt mit Weinberg am Straßenrand, wo ich mich endlich traue Fotos zu machen.
Und ein paar hundert Meter weiter kann ich endlich Dozza erspähen (10:30). Knapp über dem Horizont einer Wiese ragen seine Dächer und die Spitze der Burg hervor. Kurz darauf das Ortseingangsschild.
Erste Sichtung von Dozza
Ankunft in Dozza
Ein paar hundert Meter nach dem Schild sehe ich auf Dozza und mache ein Bild von meinem Rad vor der Aussicht. Dann geht es noch einmal steil bergab und dann bin ich angekommen auf dem Parkplatz vor Dozza. Ich halte an einem Haus mit kleinem Pool. Wie gerne würde ich da jetzt reinspringen. Ein bisschen verschwitzt bin ich ja schon. Ich fahre auf den Parkplatz, suche mir eine unbeobachtete Ecke, und wechsel meine Hose wieder in die Leinenhose. Auch das Top kommt weg und ich schlüpfe in die weiße Bluse. Die Cracker (ab jetzt kauf ich mir eh gutes Essen) und den Scout-Beutel lasse ich verknotet am Rad hängen. Kann ruhig jemand klauen. Dann schließe ich das Rad ab und bin bereit für Dozza. Zopf, Handtasche über die Schulter und keiner sieht mir meinen Radsport an. Ein bisschen überlegen fühle ich mich.
Um 10:45 schreite ich durch die Tore Dozzas. Vorher links noch eine interessante Infotafel mit Stadtplan, den ich mir abfotografiere. Auf Papier existiert tatsächlich nichts in der Qualität, nicht mal im Touristenbüro.
Der Blick über Dozza von der Burg aus.
Weiche Hügel wohin das Auge schaut.
Nach der Burg spaziere ich in die erste Straße von Dozza und halte direkt an einem kleinen Souvenirladen mit Charme (12:00). Wohl strukturiert, sauber, Bücher, Kaffeetabs-Maschine und mit Edding «verzierte» «Dozza»-Feuerzeuge. Ich warte auf die nächste Gelegenheit für einen Kaffee. In der Straße sehe ich die ersten Wandmalereien, für die Dozza bekannt ist.
Straße 1 in Dozza
Am Ende von Straße 1/am anderen Ende von Dozza, ruhe ich mich auf einer Bank im Schatten etwas aus. Zwei Katzen leisten mir Gesellschaft. Ich schaue nach Restaurants und ihren Rezensionen. (12:30) Die Entscheidung fällt auf die Osteria di Dozza. Leider kein Balkon mit Sicht aufs Umland, wie der edlere Nachbar, aber lokale Speisen zu moderaten Preisen. Im Hauptsaal ist gerade eine 50-köpfige Seniorengruppe angekommen. Als ich eintrete (13:00), ist noch genau ein Einzeltisch frei. Ich gebe mein Handy zum Laden am Tresen ab, bestelle Tagliatelle und Castrato als Secondo, ein Glas Sangiovese und notiere meine Gedanken zum Tag, lese die Infoblätter aus der Burg. Auf mein Desert, Mascarpone mit Terina, warte ich etwas länger und so breche ich erst um 14:40 wieder auf. Ich besichtige die zweite Hälfte von Dozzas Straße Nr. 2, eine Kirche, und zuletzt einen kleinen Waldweg der von der Burg hinab führt, in einen kleinen verwahrlosten Park am Hang. (15:40) Zum umziehen geeignet.
Ungeahnt rustikales Secondo
Ein Ende finden
Ich schaue und spaziere noch etwas. Nehme die letzten Eindrücke von Dozza in mich auf, muss dann aber auch zugeben, dass ich es gesehen habe. Und so lasse ich mich gegen 16:10 von Dozza erstmal bergab rollen Richtung Imola, wo ich mich nach ein paar Feldern und Landhäusern von hinten hineinmogele.
Imolas Burg (17:00) ist in ein Gerüst eingewickelt. Ich damel etwas durch die Stadt, habe aber keine Kraft mehr. Ich probiere mein Glück in einem Secondhandladen und ergebe mich dann. In einem kleinen Park (17:48) lasse ich mich mit einem Spritz Select und Chips nieder. Um 18:20 fahre ich zum Bahnhof und nehme den Zug nach Bolo (19:08).
In Bologna ist wirklich viel mehr, viel mehr los. Und nach diesem Tag in der Fremde, Freiheit und Solitude fühlt sich das garnicht so schlecht an.